Prof. Dr. Thorsten Jungmann (Stand 2026-04-19)

Bezug zu ET2-02 Einführung in die Wechselstromtechnik


Aufgabe

In einer Reihenschaltung liegen zwei sinusförmige Teilspannungen an, die um gegeneinander phasenverschoben sind:

Eine solche Konstellation tritt in ET2 immer dann auf, wenn in einer Reihenschaltung verschiedene Bauelemente (z. B. Widerstand und Spule) am gleichen Strom liegen: Ihre Spannungen haben dieselbe Frequenz, aber unterschiedliche Phasenlagen. Die Maschenregel verlangt dann eine Zeigeraddition, keine skalare Addition.

a) Zeichnen Sie das Zeigerdiagramm der beiden Teilspannungen und und ergänzen Sie den resultierenden Summenzeiger durch geometrisches Aneinanderlegen „Spitze an Schaft”.

b) Berechnen Sie die Gesamtamplitude rechnerisch aus und .

c) Bestimmen Sie den Phasenwinkel des Summenzeigers gegenüber .

d) Geben Sie den Effektivwert und die Zeitfunktion an. Vergleichen Sie mit der (falschen) skalaren Summe und begründen Sie die Differenz.

◀️ zur Aufgabe


Lösung

Gegeben

Explizit gegeben:

  • , also ,
  • , also ,

Bekannt:

  • Zeigerdarstellung (ET2-02): Jede sinusförmige Größe wird durch einen Zeiger der Länge unter dem Winkel zur horizontalen Achse dargestellt.
  • Zeigeraddition: vektoriell (Pythagoras und Arcustangens bei orthogonalen Zeigern).
  • Trigonometrische Identität:
  • Effektivwert:

Gesucht

a) Zeigerdiagramm mit , und
b) Gesamtamplitude
c) Phasenwinkel
d) Effektivwert , Zeitfunktion , Vergleich mit skalarer Summe

a) Zeigerdiagramm


Der Zeiger liegt wegen horizontal und zeigt nach rechts (). Der Zeiger steht wegen senkrecht und zeigt nach oben (). Legt man beide „Spitze an Schaft” aneinander, ergibt sich der Summenzeiger vom Ursprung zur Spitze des verschobenen zweiten Zeigers. Seine Länge ist die Hypotenuse eines rechtwinkligen Dreiecks mit den Katheten und , sein Winkel zur Horizontalen ist .

b) Gesamtamplitude

Weil die beiden Zeiger senkrecht zueinander stehen, gilt der Satz des Pythagoras:

Das „3-4-5-Dreieck” gibt hier direkt ein ganzzahliges Ergebnis – das ist ein typisches Schulbuchbeispiel. Bei beliebigen Amplituden entsteht ein allgemeiner Zahlenwert.

c) Phasenwinkel

Aus dem rechtwinkligen Dreieck folgt der Winkel zwischen und über den Arcustangens:

d) Effektivwert, Zeitfunktion, Vergleich

Effektivwert:

Zeitfunktion:

Gegenprobe über Trigonometrie (ohne Zeigerdiagramm): Mit ergibt sich

Anwendung der Formel liefert:

Die Zeigeraddition und die Anwendung des Additionstheorems führen zum selben Ergebnis – das Zeigerdiagramm ist also die geometrische Kurzschrift der trigonometrischen Formel.

Vergleich mit skalarer Summe:

Die skalare Summe liegt also zu hoch. Der Grund: Die beiden Teilspannungen erreichen ihre Scheitelwerte zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Wenn ihren Scheitelwert hat, ist gerade bei null (wegen der -Verschiebung) – die beiden Scheitelwerte addieren sich nie wirklich. Nur wenn die Phasenverschiebung wäre, ergäbe sich die maximale Amplitude ; bei (gegenphasig) wäre die Summe . Alles dazwischen liefert die Zeigeraddition.

Merkregel

Die Amplituden phasenverschobener Sinusgrößen nie einfach skalar addieren. Immer Zeigerbild zeichnen (oder in komplexer Schreibweise rechnen). Nur bei funktioniert die skalare Addition.

Brücke zu ET2

Dieselbe Rechnung taucht in ET2-04 an einer realen Spule auf: Dort ist (in Phase mit dem Strom) und (um vorauseilend). Die Klemmenspannung ergibt sich aus beiden genau über die hier geübte Zeigeraddition. In ET2-03 wird dieselbe Operation als Addition komplexer Zahlen geschrieben – rechnerisch äquivalent, aber algebraisch schneller.