Prof. Dr. Thorsten Jungmann (Stand 2026-04-19)
Bezug zu ET2-01 Einführung und Rückblick auf ET1
Aufgabe
Die Kirchhoffschen Regeln aus ET1-06 sind das Standardwerkzeug, sobald mehrere Quellen oder Verzweigungen im Spiel sind. In dieser Aufgabe frischen Sie sie an einem Netzwerk mit zwei Spannungsquellen auf – ein Muster, das Ihnen in ET2-03 und ET2-05 in komplexer Form wiederbegegnen wird.
Drei parallele Zweige verbinden den oberen Knoten B mit der unteren Sammelschiene (Masse, Knoten D):
- Linker Zweig: Spannungsquelle in Reihe mit
- Rechter Zweig: Spannungsquelle in Reihe mit
- Mittlerer Zweig:
Beide Quellen sind mit dem Pluspol zur Masseschiene hin gepolt. Als Zählpfeile wählen wir: fließt von über nach oben in den Knoten B; analog im rechten Zweig nach oben; fließt von B nach unten durch zur Masse.
a) Skizzieren Sie die Schaltung und tragen Sie die drei Zählpfeile ein.
b) Stellen Sie die Kirchhoffsche Knotenregel (KCL) für Knoten B sowie die Maschengleichungen für die linke und die rechte Masche auf.
c) Lösen Sie das Gleichungssystem nach , und .
d) Verifizieren Sie das Ergebnis durch die Leistungsbilanz: Die Summe der von den Quellen abgegebenen Leistungen muss der Summe der in den Widerständen umgesetzten Leistungen entsprechen.
Lösung
b) KCL: ; Maschen: ,
c) , ,
d) Summe abgegeben = Summe aufgenommen
Lösung
Gegeben
Explizit gegeben:
- Spannungsquellen: ,
- Widerstände: , ,
- Zählpfeile: , nach oben (in Knoten B), nach unten (aus Knoten B)
Bekannt:
- Kirchhoffsche Knotenregel (KCL): am Knoten
- Kirchhoffsche Maschenregel (KVL): in geschlossener Masche
- Leistung an einem Widerstand:
- Abgegebene Leistung einer Spannungsquelle: (wenn Strom im Zählpfeilsinn aus dem Pluspol austritt)
Gesucht
a) Skizze mit Zählpfeilen
b) Knoten- und Maschengleichungen
c) Ströme , , in
d) Leistungsbilanz
a) Skizze
Die Schaltung besteht aus drei parallelen Zweigen zwischen dem oberen Knoten B und der Masseschiene D. Der linke und der rechte Zweig enthalten je eine Spannungsquelle mit Innenwiderstand, der mittlere Zweig nur den Widerstand . Die beiden Maschen (links und rechts, jeweils durch geschlossen) und der eine Knoten B bilden ein vollständiges System.
b) Kirchhoffsche Gleichungen
Knotenregel (KCL) am Knoten B:
Die Ströme und fließen in den Knoten hinein, fließt heraus. Mit der Vorzeichenkonvention „hinein positiv, heraus negativ”:
Maschenregel (KVL), linke Masche (umfahren im Uhrzeigersinn, Start am negativen Pol von ):
Maschenregel (KVL), rechte Masche:
c) Lösung des Gleichungssystems
Die drei Gleichungen mit den Zahlenwerten:
Aus (III): . Einsetzen in (I):
Zusammen mit (II) als Zwei-Unbekannten-System:
Aus : . Einsetzen in :
Rückwärts: , .
Probe über KCL:
d) Leistungsbilanz
Abgegebene Leistung der Quellen:
In den Widerständen umgesetzte Leistung:
Bilanz:
Die Energieerhaltung ist erfüllt – alles, was die Quellen einspeisen, wird in den Widerständen in Wärme umgesetzt. Das ist zugleich die physikalische Grundlage der beiden Kirchhoffschen Regeln: KCL ist die Ladungserhaltung, KVL ist die Energieerhaltung auf jeder Masche.
Brücke zu ET2
Dieselben Gleichungen gelten wörtlich auch für Wechselstromnetzwerke – nur dass , und dann durch die komplexen Größen , und ersetzt werden. Das lineare Gleichungssystem bleibt strukturell identisch, es wird lediglich im Bereich der komplexen Zahlen gelöst. Das werden wir in ET2-05 systematisch nutzen.
Alternative Lösungsverfahren
Für dieses dreizeilige System ist die Einsetzungsmethode am schnellsten. Bei größeren Netzwerken lohnen sich allgemeinere Verfahren: Maschenstromanalyse, Knotenspannungsanalyse, Superposition oder Ersatzspannungsquelle nach Thévenin/Norton. Alle wurden in ET1-07 besprochen und gelten in der Wechselstromtechnik unverändert.
