Prof. Dr. Thorsten Jungmann (Stand 2026-05-19)
Bezug zu ET2-07 Magnetischer Kreis
Aufgabe
In den vorherigen Übungen wurde der magnetische Kreis stets mit einer konstanten relativen Permeabilität gerechnet. Für höhere Flussdichten in der Nähe des Knies der B-H-Kennlinie ist diese Näherung nicht mehr zulässig. Die folgende Aufgabe rechnet direkt mit der gemessenen Kennlinie eines Stahlgusskerns – das systematische Vorgehen aus Abschnitt 7.4 der Lektion.
Ein Elektromagnet mit Eisenkern und Luftspalt soll im Luftspalt eine Flussdichte von erzeugen. Streuflüsse werden vernachlässigt; der Querschnitt im Luftspalt entspricht dem im Eisen.
- Windungszahl:
- mittlere Eisenweglänge:
- Luftspaltlänge:
- Querschnitt:
- gewünschte Flussdichte:
B-H-Kennlinie des Kernmaterials (Stützstellen aus dem Datenblatt):
| in | |||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| in |
a) Berechnen Sie den erforderlichen magnetischen Fluss .
b) Lesen Sie aus der Tabelle die Feldstärke ab und berechnen Sie den magnetischen Spannungsabfall im Eisen .
c) Berechnen Sie die Feldstärke im Luftspalt und den magnetischen Spannungsabfall .
d) Berechnen Sie die erforderliche Durchflutung und die Stromstärke .
e) Vergleichen Sie mit einer linearen Näherung, die für das Eisen pauschal ansetzt. Welcher Strom käme heraus? Wie groß ist der relative Fehler ? Erklären Sie, warum die lineare Rechnung den realen Strom unterschätzt.
Lösung
Gegeben
Explizit gegeben:
- B-H-Kennlinie als Tabelle
Bekannt:
- magnetische Feldkonstante:
- Fluss aus Flussdichte:
- Feldstärke im Luftspalt ():
- Durchflutungssatz für stückweise homogenes Feld (ET2-07):
- Durchflutung:
Gesucht
a) in
b) aus Tabelle, in
c) in , in
d) in , in
e) bei , relativer Fehler, Erklärung
a) Magnetischer Fluss
Da der Querschnitt in Eisen und Luftspalt gleich ist, gilt diese Flussdichte in beiden Abschnitten.
b) Feldstärke und Spannungsabfall im Eisen
Aus der B-H-Kennlinie bei ablesen:
Magnetischer Spannungsabfall:
c) Feldstärke und Spannungsabfall im Luftspalt
Magnetischer Spannungsabfall:
d) Erforderliche Durchflutung und Stromstärke
Durchflutungssatz:
Erforderliche Stromstärke:
Bei diesem Arbeitspunkt teilt sich die Durchflutung etwa hälftig auf Eisen und Luftspalt auf:
e) Vergleich mit linearer Näherung
Lineare Annahme für das Eisen:
Magnetischer Spannungsabfall im Eisen (linear):
Der Luftspalt-Anteil bleibt unverändert (), weil Luft linear ist.
Lineare Durchflutung und linearer Strom:
Relativer Fehler:
Die lineare Rechnung unterschätzt den realen Strom um rund .
Erklärung:
Die wahre statische Permeabilität bei folgt direkt aus der Kennlinie:
Die Annahme überschätzt die reale Permeabilität bei diesem Arbeitspunkt um den Faktor . Das senkt – und damit den Eisen-Beitrag zur Durchflutung – im linearen Modell ebenfalls um diesen Faktor. Da aber der Luftspalt-Anteil unverändert bleibt, wirkt sich der Fehler nicht auf den Gesamtstrom aus: Aus wird in der linearen Rechnung – ein Defizit von , das die Spule in der Realität zusätzlich aufbringen muss.
Zwei Lehren aus diesem Vergleich
- Knie-Bereich. Sobald in den Bereich des Sättigungsknies kommt (bei diesem Werkstoff oberhalb von etwa ), ist die lineare Rechnung mit konstantem unzuverlässig. Die B-H-Kennlinie muss verwendet werden.
- Auslegungsregel. Wenn ein Elektromagnet die geforderte Flussdichte „sicher” erreichen soll, muss in der Praxis ein Sicherheitszuschlag auf die linear berechnete Durchflutung gelegt werden. Alternativ wird der Arbeitspunkt absichtlich unter gehalten – dann ist die lineare Rechnung gut genug.
Inverses Problem: Fluss bei gegebenem Strom
In dieser Übung war vorgegeben und gesucht (direktes Problem). Der umgekehrte Fall – vorgegeben, gesucht – ist nichtlinear und in Abschnitt 7.4 der Lektion beschrieben. Er erfordert ein iteratives oder grafisches Verfahren auf der B-H-Kennlinie.
Brücke zu ET2
Die Nichtlinearität des Eisens ist die Ursache dafür, dass eine reale Spule mit Eisenkern keinen rein sinusförmigen Magnetisierungsstrom zieht – auch wenn die anliegende Spannung sinusförmig ist. Diese Stromformverzerrung und die daraus folgenden Hystereseverluste sind ein Kernthema der nächsten Lektion ET2-08 und werden in der Energietechnik bei Transformatoren und Drosseln betrachtet.
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