Prof. Dr. Thorsten Jungmann (Stand 2026-04-27)
Bezug zu ET2-03 Komplexe Wechselstromrechnung
Aufgabe
Wie die Knotenpunktregel in Übung ET2-03.04 gilt auch die Kirchhoffsche Maschenregel aus ET1-06 unverändert in der komplexen Wechselstromrechnung — man muss lediglich die reellen Spannungen durch ihre komplexen Effektivwerte ersetzen. Üben Sie das an einem typischen Maschenumlauf mit mehreren phasenverschobenen Teilspannungen.
In einer Masche eines Wechselstromkreises liegen drei Verbraucher in Reihe an einer Quellspannung . Über den Verbrauchern fallen die folgenden Teilspannungen ab (jeweils in Polarform, alle mit derselben Frequenz):
Als Umlaufsinn wählen wir den Uhrzeigersinn. Die Zählpfeile der Verbraucherspannungen zeigen in Umlaufrichtung; der Zählpfeil der Quellspannung zeigt gegen die Umlaufrichtung.
a) Stellen Sie die Maschenregel in komplexer Form für diese Masche auf und lösen Sie nach auf.
b) Berechnen Sie in kartesischer Form.
c) Geben Sie in Polarform an. Bestimmen Sie sowohl den Effektivwert als auch den Phasenwinkel gegenüber .
d) Begründen Sie kurz, warum sich der Effektivwert der Quellspannung nicht aus der einfachen Summe ergibt — obwohl genau diese Rechnung im Gleichstromkreis () korrekt wäre.
Lösung
a)
b)
c) , eilt um voraus
d) Skalare Summe ignoriert die Phasenverschiebung und liegt um über dem korrekten Effektivwert .
Lösung
Gegeben
Explizit gegeben:
- Umlaufsinn: Uhrzeigersinn; Zählpfeile in Umlaufrichtung (Vorzeichen ), Zählpfeil gegen die Umlaufrichtung (Vorzeichen )
Bekannt:
- Maschenregel in komplexer Form (ET2-03): Summe aller komplexen Spannungen entlang einer geschlossenen Masche ist null
- Vorzeichenkonvention: Spannungen in Umlaufrichtung positiv, Spannungen gegen die Umlaufrichtung negativ
- Polarform kartesisch (ET2-03): ,
- Quadrantenregel (ET2-03): bei , keine Korrektur (1. Quadrant)
Gesucht
a) Maschengleichung, aufgelöst nach
b) in kartesischer Form
c) in Polarform mit Phasenwinkel gegenüber
d) Begründung, warum die skalare Summe falsch ist
a) Maschenregel in komplexer Form
Mit der Vorzeichenkonvention “Zählpfeil in Umlaufrichtung positiv, Zählpfeil gegen Umlaufrichtung negativ” und der Pfeilwahl der Aufgabe ( gegen den Umlauf, in Umlaufrichtung) lautet die Maschenregel:
Aufgelöst nach der Quellspannung:
b) Berechnung in kartesischer Form
Zuerst alle drei Teilspannungen in kartesische Form:
Komponentenweise Addition:
Die imaginären Anteile von und haben entgegengesetzte Vorzeichen und kompensieren sich teilweise — aus den Teilbeträgen und wird im Imaginärteil nur .
c) Umrechnung in Polarform
Betrag (Effektivwert der Quellspannung):
Auf 3 signifikante Stellen:
Phasenwinkel (1. Quadrant, keine Korrektur nötig):
Da ist, eilt die Quellspannung der Teilspannung um genau diese voraus.
d) Warum die skalare Summe falsch ist
Die naive Rechnung
setzt voraus, dass alle drei Teilspannungen ihren Maximalwert gleichzeitig erreichen ( und mit jeweils gleichem bzw. entgegengesetztem Vorzeichen wie ). Tatsächlich ist:
- um gegenüber vorauseilend — ihr Maximum tritt also vor dem Maximum von auf,
- um gegenüber nacheilend — ihr Maximum tritt nach dem Maximum von auf.
Die drei Spannungen erreichen ihre Scheitelwerte also zu drei verschiedenen Zeitpunkten. Eine direkte Addition der Beträge ignoriert diese zeitliche Versetzung und überschätzt den tatsächlichen Effektivwert deutlich. Die korrekte Rechnung — komponentenweise Addition der komplexen Spannungen — berücksichtigt die Phasenlagen automatisch und liefert das physikalisch richtige Ergebnis . Der Fehler der skalaren Summe beträgt hier:
Im Gleichstromkreis mit entfällt das Problem, weil dort alle Spannungen zeitlich konstant sind und folglich gleichzeitig ihren “Maximalwert” haben. Phasenverschiebungen existieren nicht, die skalare Addition ist exakt richtig. Genau dieser Unterschied macht die komplexe Rechnung in der AC-Welt unverzichtbar.
Plausibilität über das Zeigerdiagramm
In der komplexen Ebene zeigt horizontal nach rechts, senkrecht nach oben, senkrecht nach unten. und heben sich teilweise auf und ergeben einen resultierenden Imaginärteil von . Zusammen mit ergibt sich ein Zeiger, der von zum Punkt läuft — knapp über der reellen Achse, mit der Länge .
Im Kontext von ET2
In ET2-04 werden Sie sehen, dass genau diese Konstellation typisch für eine Reihenschaltung aus Widerstand ( in Phase), Spule ( um vorauseilend) und Kondensator ( um nacheilend) ist — der sogenannte RLC-Reihenkreis. Die hier geübte Maschenrechnung ist die Grundlage für die Berechnung der Klemmenspannung. Wenn die Spulen- und Kondensatorspannungen betragsmäßig gleich sind, kompensieren sie sich vollständig — man spricht dann von Reihenresonanz (). Diesem Spezialfall ist die gesamte Lektion ET2-08 gewidmet.
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